Huna im Körper –Berührung als gelebte Praxis

von Steven Jablonski | Lomi Lomi Nui, Tradition

Teil 2

Was passiert, wenn eine innere Haltung
in Bewegung und Kontakt übergeht

Im ersten Teil ging es darum, Huna einzuordnen.
Woher der Begriff kommt.
Was die sieben Prinzipien beschreiben – und was nicht.

Hier geht es um das, was danach kommt.
Um das, was nicht mehr erklärt werden kann, sondern gespürt werden muss.

Um Berührung.

Was im Körper passiert, wenn jemand wirklich da ist

Es gibt Berührungen, die nichts auslösen.
Und Berührungen, nach denen sich etwas verändert hat.

Der Unterschied liegt selten in der Technik.

Wenn jemand mit echter Aufmerksamkeit berührt, reagiert das Nervensystem anders.
Nicht weil das besonders klingt – sondern weil es messbar ist.

Sanfte, als angenehm erlebte Berührung aktiviert sogenannte C-taktile Fasern in der Haut.
Diese Fasern sind direkt mit sozialen Bindungs- und Wohlgefühl-Netzwerken im Gehirn verbunden.
Sie signalisieren: Das hier ist sicher. Du bist in Kontakt.

Gleichzeitig steigt die Ausschüttung von Oxytocin.
Der Cortisolspiegel sinkt.
Der Parasympathikus übernimmt.

Das ist kein Versprechen.
Es ist Biologie.

Und es hängt entscheidend davon ab, wie berührt wird – nicht wie stark.

Makia in der Hand

Makia – Aufmerksamkeit lenkt Energie.

In der Lomi Lomi zeigt sich das konkret.
Nicht als Idee, sondern als Körpererfahrung.

Wenn die Aufmerksamkeit der behandelnden Person auf den Kontakt gerichtet ist –
auf das, was sie spürt, nicht auf das, was sie als nächstes tun will –
verändert sich die Qualität der Berührung.

Klienten spüren diesen Unterschied.
Meistens ohne Worte dafür.

Somatische Forschung beschreibt das ähnlich: Die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf Körperempfindungen ist ein wesentlicher Faktor dafür, ob Bewegungsangst abnimmt und Schmerz sich verändert. Nicht die Technik der Hände.

Wo die Aufmerksamkeit ist, verändert sich etwas.
Das gilt für den Klienten.
Und für die Person, die berührt.

Manawa – der Körper lebt immer jetzt

Das autonome Nervensystem reagiert nicht auf Erklärungen.
Es reagiert auf das, was gerade passiert.

Auf Druck.
Auf Rhythmus.
Auf Temperatur.
Auf die Frage, ob sich Nähe sicher anfühlt.

Berührung wirkt nicht, weil jemand versteht, was passiert. Sie wirkt, weil das Nervensystem direkt antwortet – über vagale Bahnen, im Moment des Kontakts.

Manawa ist deshalb kein Prinzip, das man anwendet.
Es ist eine Erinnerung daran, wo Veränderung überhaupt stattfindet.

Nicht in der Theorie über die Sitzung.
Sondern darin.

Lomi Lomi Nui – Berührung als Bewegung, nicht als Technik. (Bild: [Bildnachweis])

Aloha als Haltung im Kontakt

Aloha ist im ersten Teil als innere Haltung beschrieben worden.
Offen. Respektvoll. Nicht-bewertend.

In der Körperarbeit zeigt sich das anders, als man denkt.

Es bedeutet nicht, besonders freundlich zu sein.
Oder eine bestimmte Energie zu verbreiten.

Es bedeutet: nicht vorauszueilen.
Nicht schon zu wissen, was der Körper braucht.
Nicht mit einer Erwartung in den Kontakt zu gehen, die der andere erfüllen muss.

Das ist schwerer als jede Technik.

Und es ist das, was Klienten als „Ankommen“ beschreiben.
Als das Gefühl, dass jemand wirklich bei ihnen ist.
Nicht bei der Idee von ihnen.


Was Lomi Lomi damit zu tun hat

Lomi Lomi ist keine Entspannungsmassage mit hawaiianischem Namen.
Und sie ist auch keine spirituelle Praxis, die man in einem Wochenend-Kurs überträgt.

Sie ist eine Körperarbeit, die Bewegung, Rhythmus und Kontakt verbindet –
auf eine Weise, die das Nervensystem anders anspricht als statische Grifftechniken.

Die langen, fließenden Bewegungen folgen keinem starren Schema.
Sie folgen dem, was der Körper zeigt.

Genau dafür braucht es die Haltung, die die sieben Prinzipien beschreiben.
Nicht als Voraussetzung, die man erfüllen muss.
Sondern als Richtung, in die man sich orientiert.

Pono – Gleichgewicht – zeigt sich in der Lomi Lomi darin, dass die behandelnde Person selbst geerdet ist.
Dass Geben und Empfangen nicht auseinanderfallen.
Dass Körperarbeit nicht zur Erschöpfung führt, sondern zu einem Zustand, in dem beide Seiten mehr bei sich sind als vorher.


Kala – was sich lösen kann

Das Nervensystem lernt nicht durch Einsicht.
Es lernt durch Erfahrung.

Alte Reaktionsmuster – Anspannung, Schutz, Rückzug –
lösen sich nicht, weil jemand versteht, warum sie da sind.
Sie lösen sich in Momenten, in denen etwas anderes möglich wird.

Körperarbeit kann solche Momente schaffen.
Keine Garantie. Keine Methode.
Aber einen Raum, in dem neue Erfahrung von Sicherheit und Kontakt möglich wird.

Kala beschreibt das.
Nicht als Technik des Loslassens.
Sondern als das, was entsteht, wenn Vertrauen da ist.


Was das für die eigene Praxis bedeutet

Die entscheidende Frage ist nicht:
Welche Grifftechnik wende ich an?

Sie ist:
Aus welchem inneren Zustand heraus berühre ich gerade?

Bin ich präsent – oder schon beim nächsten Schritt?
Neugierig – oder bereits mit einer Lösung unterwegs?
In meinem eigenen Körper – oder nur bei meinen Händen?

Diese Fragen lassen sich nicht einmalig beantworten.
Sie stellen sich neu, vor jeder Sitzung.
Manchmal auch mittendrin.

Huna als Haltung bedeutet: weiterhin hinzuschauen.
Nicht um ein Ideal zu erreichen.
Sondern weil Körperarbeit das verlangt.


Prinzipien bleiben abstrakt, solange sie nur gelesen werden.
Erst in der Praxis – in echtem Kontakt, in Bewegung, unter Händen –
werden sie spürbar.

Das lässt sich nicht beschleunigen.
Aber es lässt sich üben.

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